West Highland Way (Schottland)

Milngavie; dieses Dorf nördlich von Glasgow wäre absolut unbekannt, markierte es nicht den Start des West Highland Way, des ältesten und bekanntesten Fernwanderwegs von Schottland. 50000 Wanderer beginnen hier jährlich Ihren Marsch nach Fort William, für den sie zwischen 5 und 9 Tage planen. Vorbei an Loch Lomond, dem größten See Schottlands; Vorbei an Ben Nevis, dem höchsten Berg Schottlands. Mitten in Geschichte und Legenden: die Höhle von Rob Roy; das verlorene Schwert von Robert de Bruce; das Massaker der Campbells.

West Highland Way

Zurück nach Europa

 

Whisky und Dudelsack – schottisches Lowland-Leben

 

Der Start ist nicht zu verfehlen: Mitten in Milngavie finden sich Bänke, Schilder, eine Säule – allesamt mit der Aufschrift West Highland Way und dem Symbol des Weges, das an eine weiße Distel erinnert. Anfangs führt der ebene Pfad durch den Mugdock Wald, vorbei an gelben Ginsterbüschen und braunem Grasgestrüpp. Ich passiere einen Vorgarten mit Wunschbrunnen. Ein Schild mit der Aufschrift „The Shire“ unterstreicht die Atmosphäre. Die Musik eines Dudelsacks erreicht mein Ohr – Schottland, wunderbar!
Ohne die Glengoyne Destillerie geht es nicht, hier wird seit über 200 Jahren Whisky hergestellt. Probieren ist erwünscht: 10 Jahre, 12 Jahre, 15 Jahre. Freudig verlasse ich danach die Brennerei und begegne einer Gruppe von Wanderern, die den Weg in 4 Tagen beenden wollen. Eine Herausforderung? Da mache ich mit!

Der 25-jährige Hamish aus Neuseeland scheint sportlich und erfahren. Er geht gerade vorweg, als sich die Route teilt: Links flach durch die Lowlands, rechts steiler über den Conic Hill. Wir entscheiden uns für die zweite Möglichkeit, einstimmig. Kein Regen, eine gute Aussicht ist möglich. Das wollen wir nicht ungenutzt lassen.

Hier oben erhalte ich erste Eindrücke der Highlands: Weit, und leer. Vom Hügel auf der anderen Seite, der mehr Braun- als Grüntöne aufweist, fließt ein kleiner Bach in das Tal dazwischen. Einige niedrige Sträucher wachsen. Am höchsten Punkt angekommen erhalten wir ein Bild von Loch Lomond, dem vor uns liegenden See. Die Wolken hängen tief, doch ein Sonnenstrahl kämpft sich durch und malt einen kleinen, hellen Kreis auf das Blau.

Zwei Kilometer Spaziergang durch einen Birkenwald bei Sonnenuntergang und wir erreichen den Zeltplatz Sallochy Bay. Lucas, der Kanadier mit der Statur eines Rugby-Spielers, wirkt angeschlagen – sein Rucksack saß nicht richtig, hat das Wandern anstrengend gemacht.

 

Rob Roy: Rinderdieb oder Robin Hood?

 

Noch drei Tage; bedeutet 38 Kilometer je Tag; bedeutet Aufstehen um 6.30 Uhr. Nach einem Kaffee ziehen wir los und wandern durch ein Waldgebiet. Die moosigen Überreste eines Hauses zeugen von vergangenen Zeiten. Am Boden klebt ein Teppich von roten Fichtennadeln, der frische Duft von Bäumen schwebt in der Luft.

Frühstück am See, es beginnt zu regnen. Für mich gibt es einen Flapjack, einen gehaltvollen Haferflockenriegel. Die Gruppe hat Haferbrei mit getrockneten Beeren vorbereitet. 30 Minuten später brechen wir wieder auf – und der Regen stoppt.
Wir kommen langsamer voran als am Vortag. Yolanda kämpft mit Blasen, eine Nebenwirkung von geliehenen Schuhen. Jede Pause wird von der sportlichen Kanadierin genutzt, um die Füße in Bächen oder im See abzukühlen. Kurz später erreichen wir einen Versorgungsstand für West Highland Way Wanderer: Für eine Spende von jeweils 1 britischen Pfund gibt es hausgemachte Plätzchen, Scottish Tablet (bestehend aus Zucker, Butter und Milch) und Bananen.

Scheinbar befinden wir uns auf der schwierigsten Passage des Trails – Hände werden eingesetzt, um über Steine zu klettern. Die Höhle von Rob Roy, geächteter Viehhändler und schottischer Robin Hood, befindet sich abseits des Weges. Es bedarf einer weiteren Kletterei über Felsen, und sehe ich das Wort CAVE mit Kreide auf einen Stein gemalt: Das Versteck hätte ich sonst nicht gefunden.
Danach geht der steinige Weg in einen Trampelpfad über, der uns vom See entfernt. Vorbei an Ziegen, die uns prüfend beobachten, erreichen wir die Beinglas Farm Campsite – von hier aus wäre ein Abstecher zu der berühmten Bar „Drover’s Inn“ möglich. Wir entschließen jedoch, wild zu zelten, ist günstiger und bequemer.

 

Robert de Bruce: Ein König ohne Schwert

 

Wir kämpfen uns vorbei an knöcheltiefen Schlamm, bevor wir den Wegweiser nach Crianlarich erreichen – die Hälfte der Strecke. Danach lässt es sich gut laufen. Ein Trampelpfad, zwischen Bäumen, Moos und Grün: schönes Ergebnis des häufigen Wechsels von Regen und Sonnenschein, den auch wir in den letzten Tagen kennen lernen durften. Wir überqueren die Schnellstraße und uns erwartet die Ruine der Abtei St. Fillans. Auf deren Friedhof begrüßen uns schiefe Grabsteine, mit Moos bewachsen, vergänglich, nicht vergessen.

Dalrigh. Kleines Dorf, große Ereignisse: Vor 700 Jahren wurde Robert de Bruce und seine Truppe überfallen, vom Clan der McDougalls. Der spätere König von Schottland war unvorbereitet und musste schnell fliehen, weshalb er sein schweres Schwert im Teich versenkte – wo es sich natürlich noch immer befindet, bewacht von der Dame des Sees.

In Tyndrum machen wir eine Pause und nutzen die wenigen Sonnenstrahlen nach einem Regenschauer. Ein kurzer Snack an dem Rasthof, danach folgen wir der alten Militärstraße und treffen auf die ersten Hochland-Rinder. Gemütlich versperren sie uns den Weg. Dan, ebenfalls aus Kanada, drängt die Hinterteile der langhaarigen Horntiere beiseite und wir können vorbei.

Wir erreichen Bridge of Orchy. Das Hotel dort wirbt mit einem offenen Kamin sowie einer Auswahl an Craft-Bieren und Malt-Whiskys – eine wohlige Vorstellung, doch unser Tagesziel ist noch nicht erreicht. Wir schleppen uns weiter, Lucas, Dan, Yolanda, Hamish und ich. Schmerzen an Knien und Füßen, kaputte Schuhe… Doch das alles ist vergessen, als wir den höchsten Punkt dieses Teilstückes erreichen: auf der einen Seite leuchtet ein kleines Quadrat hell in den dichten grauen Wolken. Auf der anderen Seite ist der Himmel beinahe klar, ein See wirkt einsam in den spärlich bewachsenen Highland-Hügeln.

Am Abend gibt es Bier, Essen und Karten im Restaurant… Glücklich!

 

Ostern in den Highlands: Schoko-Hasen und Teufels-Treppen

 

Wir erwachen bei Regen. Glücklicherweise hält dieser nur 30 Minuten an, danach kämpfen wir uns durch einen Schneesturm. Eine Stunde später jedoch machen wir eine kurze Pause unter trockenem Himmel. Yolanda erscheint grinsend auf einem Hügel – es ist Ostersonntag, sie hat 4 Schokohasen für uns versteckt. Nach dieser süßen Überraschung führt der West Highland Way uns weiter durch eines der größten und wildesten Moorgebiete Britanniens.

Mittags wärmen wir uns an einem Kaffee im Kings House. Das 400 Jahre alte Gebäude diente als Unterkunft für Viehtreiber und britischer Soldaten. Vor uns liegt das Treppenhaus des Teufels (Devil’s Staircase) – ein Anstieg, dessen Name schlimmer ist als der Weg selbst. Es geht zwar steil bergauf, doch nach einer halben Stunde ist der höchste Punkt bereits erreicht.

Entlang des Berges Stob Mhic Mhartuin. Uns eröffnet sich ein Ausblick auf das Blackwater Reservoir, einen Stausee, der friedlich zwischen majestätischen Berg- und Hügelpanorama liegt – ideal für eine kurze Pause und ein, zwei Schuck feuriger Erinnerung an die Glengoyne Destillerie.

Einzelne Sonnenstrahlen schenken uns einen Regenbogen, der uns nach Kinlochleven führt. Vorbei an dem Kraftwerk und entlang von fünf riesigen Rohren, durch die das Wasser des Sees nach unten gejagt wird. Mit dieser rauschenden Energie wird in Fort William Aluminium gewonnen.

Ein geeigneter Zeltplatz ist mit freundlicher Unterstützung von Einheimischen schnell gefunden. Kurz nach dem Dorf gibt es einen Wald, der viele Möglichkeiten bietet.

 

Die Schlacht von Inverlochy – wähle Deine Seite

 

Die letzten 24 Kilometer! Wir überwinden den ersten Anstieg und folgen einem ebenen Pfad. Um ein letztes Mal das Panorama der Highlands zu würdigen, machen wir eine kurze Rast, an der Ruine eines Hauses. Danach zieht eine Ansammlung von Steinen mein Interesse auf sich: Eine Erinnerung an frühere Zeiten, an einen Hinterhalt des Clans MacDonald auf den Clan der Campbells. Diese flohen und wurden rücksichtslos verfolgt, bis zu der Stelle, an der die Steine nun liegen. Reisende sollen einen weiteren Stein hinzufügen, wenn Sie auf der Seite der MacDonalds stehen. Sympathisanten der Campbells entfernen einen. Ich nehme einen Stein, schmeiße ihn weit weg – Hinterhalte mag ich nicht – und schließe wieder zu meiner Gruppe auf.

Ein starker Duft nach Holz und Fichtennadeln liegt in der Luft, auf beiden Seiten stehen Bäume. Am Horizont kann ich Ben Nevis ausmachen, mit 1345 Meter der höchste Berg Schottlands. Die friedliche Atmosphäre trübt sich, als wir Geräusche schwerer Maschinen wahrnehmen, die große Flächen des Waldes für die Holzindustrie roden. Etwas traurig ziehen wir weiter, bis wir eine Stunde später auf Fort William herabschauen können.

Der Ziellauf zum „neuen Ende“ des West Highland Way führt durch die Touristenmeile der Kleinstadt, das Alte liegt vor den ersten Souvenirläden. Gemeinsam überschreiten wir die Ziellinie, ein Mann aus Stein begrüßt uns, still und nachdenklich auf seiner Bank sitzend. Yolanda zaubert eine Sektflasche von irgendwo her. Glücklich und zufrieden freuen sich die wunden Füße und Knie auf Erholung.

 

Zusammenfassung

Der West Highland Way ist sehr beliebt – und das aus gutem Grund. Ist er anfangs etwas einseitig, wird die Umgebung von Tag zu Tag spannender. Wer die faszinierende Leere der Highlands erleben will, der wird den Weg lieben. Wer nicht alleine laufen mag: Keine Angst, Freunde und Begleiter sind auf dem West Highland Way schnell gefunden. Wem der Rucksack zu schwer ist, der kann auf dieser Route auch einen Gepäcktransfer engagieren, der die schweren Stücke von einer Unterkunft zur nächsten bringt.