Einblick in die Welt der Vogesen. (Frankreich)

Ein Traum von Freiheit, Schwerelosigkeit und Unendlichkeit…Frankreich lädt in die Vogesen!
Routen durch Wälder, Felder und Siedlungen lassen sich nach Belieben verknüpfen.
Allein ein Weg sticht hervor. In charmanter Manier vereint der GR 5 die eindrucksvollsten Aussichtspunkte, Sonnenuntergänge und Dörfer miteinander. Seine versteckten Seen und Zauberpfade lassen einen nahezu vergessen, wie die Wörter „Hochhaus“ und „Fernseher“ buchstabiert werden.

Vogesen

Zurück nach Europa

Aus dem Zug auf den Berg

Colmar gilt als beliebter Ausgangspunkt für die verschiedensten Touren. Geschmückt mit historischen Gebäuden und kleinen Cafés ist die Stadt einen Aufenthalt wert .
Insider-Tipp: Das von Familienhänden geführte Restaurant Hammerer.
Am Morgen trägt ein Zug meinen Freund Jan und mich innerhalb von 40 Minuten zu unserem Startpunkt, in das Dorf Metzeral. Hier empfängt uns ein kleiner Supermarkt mit süßen Pfirsichen.
Daraufhin beginnt die Wanderung mit einigen Kilometern Landstraße. An einer schmalen Holzbrücke begegnet uns der erste Wegweiser – links der GR 5, ein rotes Rechteck.

Schon treten wir ein in das Reich der Vogesen. Eine Hügellandschaft, die einem Gebirge in nichts nachsteht und darauf wartet erobert zu werden. Am Fuße: Moosbewachsene Felsen, steinige Pfade und gute Beschilderungen.
Ein zauberhafter Wald führt uns zu einem rauschendem Bergbach – solch´ klares Wasser findet sich selten in der Leitung.
Weiter schweben wir zum Fischboedle. Der See – still und andächtig, umgeben von bewaldeten Hügeln – erweist sich als Geheimtipp. Ein hölzerner Pavillon mit Aussicht auf einen Wasserfall lädt zum Verweilen ein.

Hier beschließe ich, dass es viel zu langweilig ist, dem beschilderten Pfad zu folgen und der Berghang aus Steingeröll abenteuerlicher ausschaut.
Gedacht – Getan. 1,5 Stunden durch Hagel und Regen klettern, rutschen, Schürfwunden sammeln, machen uns um eine Erfahrung reicher.
Von dunklen Gewitterwolken getrieben, eilen wir an Abgründen, Kühen und Feldern vorbei. Bald finden wir den Originalpfad und passieren dem Sturm trotzend den Lac de Schiessrothried sowie weitere 800 Höhenmeter bezwingend, den Petit Hohneck (1.289m).
Vom Regen tropfend und zitternd bewegen wir uns hinab. Es dämmert – hoffentlich finden wir bald eine Zuflucht. Was die Bergziegen über uns denken mögen? Sie kreuzen unseren Weg, stellen sich wenige Meter vor uns auf die Hinterbeine und verschwinden im Grün der Bäumchen. Wir sind ihnen egal.
Schließlich finden wir im Frankenthal ein Refuge – geschlossen, dafür außen überdacht und trocken.

 

Felsen, Schluchten und der See

Geweckt von einer Schuhtestgruppe vor unserem Zelt, starten wir schnellstmöglich in den Tag. Die Sonne meldet sich zu Wort, doch der Regen bleibt stimmenführend.
Unser heutiges Ziel ist der Lac Blanc. Dafür gilt es zunächst den anspruchsvollsten Pfad der Vogesen zu überwinden: Den Sentier des Roches. Dieser Klettersteig führt entlang des Krappenfels – schmale Auftrittsflächen begleitet von Blicken in ferne Täler und Hügel.
Gewappnet mit festen Schuhen klettern wir über Stock und Bach, ehe uns eine Leiter zu einer Spalte im Gestein hinaufführt. Im Sonnenschein bläulich funkelnde Wände weisen den Weg. Wie durch eine Pforte schreiten wir auf die andere Seite des Felsens.
Wenige Augenblicke später stehen wir vor einem Holztisch inmitten von Hügeln -menschenleer und mit Blick über Täler und Tannengipfel. Diese Möglichkeit lassen wir nicht verstreichen – wie von selbst befreit sich unser Proviant aus den Rucksäcken.

Die nächste Etappe führt zum Col de la Schlucht. Der beliebte Ausgangspass für Tagestouren wartet mit reichlichen Parkmöglichkeiten auf. Ferner, gibt es hier einen Imbiss im französischen Stil – teuer und süß.
„Drei Stunden“ spricht das Schild und weist in Richtung des Aufstiegs zum Lac Blanc. Der zunächst helle Waldweg wird bald von einem Pfad inmitten von Sträuchern und Büschen abgelöst. Wer sich auf Zehenspitzen stellt erhascht einen Blick auf das Zusammenspiel von Felsenformationen, Blumenwiesen und Bergseen. Überdies lässt die nächste Panorama-Anhöhe nicht lange auf sich warten.
Ein langer Feldweg entlang des Abhangs führt uns vorbei am kleinen Lac Noir und schließlich zur Auberge du Blancrupt – eine riesige Wiese davor, der Lac Blanc in greifbarer Nähe. Bemerkenswerte Gastgeber. Hätten wir nicht unser Zelt, stünde das Nachtlager fest.
Nach einem herzlichen Gespräch, dürfen wir neben einem Wiesenstück für die Nacht, auch wertvolle Routentipps und ein Rotweingeschenk unser Eigen nennen.

 

Pfützen sind zum Trinken da…

Ein Tag ohne Kaffee? Für mich unvorstellbar. Darum an dieser Stelle – Danke, Jan für die morgendliche Koffeinzufuhr, unabhängig von Laune und Wetter!
Es folgt ein himmlischer Start auf der Route des GR 5.
Die Sonne scheint, ein Bussard erhebt sich majestätisch über unseren Köpfen. Der Pfad schlängelt sich durch Waldstücke, vorbei an Gedenksteinen und Friedhöfen des Ersten Weltkrieges. Zugewachsene Bunker und eine steinerne Versammlungshalle weisen in Richtung einer täuschend weit entfernten Zeit…
Freundliche Seen führen uns zu einer großen Blumenwiese. Willkommen im Dorf Bonhomme! Die einzige Gaststätte bietet eine üppige, leckere und günstige Mittagskarte an. Im angeschlossenen Lebensmittelladen überrascht uns die Besitzerin mit Roquefort und Ziegenkäse – dazu der Rotwein im Rucksack… ein perfektes Abendmahl.

Unter der prallen Sonne des Mittags folgen wir mehreren Kilometern einer Landstraße. Glücklicherweise stellt sich ein Wald auf unsere Seite und gewährt uns liebevoll Schatten. Höhenmeter steigen und sinken. An den höchsten Punkten passieren wir abgekühlte Kohlestücke und verzaubernde Ausblicke. In den flacheren Passagen treffen wir Wanderer an Refuges beim Grillen an soeben entfachter Flamme.
Blassrote Strahlen erhellen das Häuschen am Pierre des trois Bans. Das Tagesziel ist erreicht.
Ein Hügel in einem Meer aus Tannen, eine hergerichtete Feuerstelle, unter uns das einladende Tal… Doch etwas fehlt. Wir sehen uns um, laufen umher, suchen – Erfolglos. Hier gibt es kein Wasser. Leider, denn unsere Behälter sind ebenfalls leer.
Retter im Durst ist eine große Pfütze. Filter auffüllen, Desinfektionstropfen hinein und genießen. Fast so schön wie der Wein und Käse im Sonnenuntergang.

 

Von Flammkuchen und Storchen

Am Morgen verlassen wir den einsamen Hügel und schreiten durch eine lichte Waldpassage in das kleine Dorf Aubure. Verlassen und melancholisch wirkt es mit seinen vielen zum Verkauf stehenden Gebäuden. Unsere Freude über den sprudelnden Trinkwasserbrunnen, kann jedoch nichts trüben.
Um dem aufziehenden Unwetter zu entfliehen entscheiden wir uns für eine schnellere Alternativroute, weg vom GR 5. Nach den aufregenden Pfaden der letzten Tage, wirkt die Strecke einseitiger und zieht kilometerlang ohne Abwechslung von dannen.

Baum an Baum bis zur Destillerie Gilbert Holl. Die, wie bei einem königlichen Empfang, nur für uns die Tore öffnet, um sie nach einem Rundgang hinter uns wieder ins Schloss fallen zu lassen. Jan scheint davon nicht ansatzweise so begeistert zu sein wie ich – Männer…
Das letzte Stück zu unserem heutigen Ziel übernimmt der GR 5. Von hohen Bäumen umgeben,  begleitet uns der immer heftiger werdende Regen nach Ribeauvillé. Enge Gassen, Storchennester auf den Dächern und unwiderstehlicher Flammkuchen – ein Ort im Stil der Renaissance, der in Erinnerung bleibt.
Die Atmosphäre und die auch auf dem Campingplatz stolzierenden Storche überzeugen uns davon die Nacht hier zu verbringen.

 

Heiß, heiß, heiß…

Frühmorgens beginnen wir die letzte Etappe der Vogesen. Bevor das Thermometer auf 35 Grad steigt, wollen wir so viele Kilometer wie möglich zurückgelegen.
Wir verlassen das Dorf über den Samstagsmarkt und folgen einem Waldweg von Hügel zu Hügel. Wir passieren alte Kirchen, umgefallene Bäume, verlassene Aussichtspunkte und Brücken an schmalen Flussübergängen.
Unsere Füße tragen uns zum Schlossberg, auf dem sich die Burg Bilstein aus dem 13. Jahrhundert befinden soll. Wir treffen lediglich ein Stück Wand an. Indes ist der Rundumblick atemberaubend.

Am Kaysersberg kreuzen wir die Weinroute – vielleicht der Weg für das nächste Mal?
Wir begeben uns, von der schattenlosen Hitze begleitet, tiefer in die Senke, bis wir das Katzenthal erreichen. Ein kleines Dorf umgeben von Weinbergen, die uns bei anderen Witterungen mehr Freude geboten hätten.
Nach zehn Stunden und etlichen Auf- und Abstiegen spüren wir weder unsere Füße noch etwaige andere Körperteile.
Leider fahren die Busse Samstagnachmittag nicht mehr nach Colmar. Der einzige Weg führt über die Autobahn.
Fünf von zehn Kilometern sind erkrochen, als wir vor der Stadteinfahrt von Ingersheim stehen. An der Ampel hält ein Auto – ein Hoffnungsschimmer. Die Dame im Fahrzeug möchte gerade in ihre Straße abbiegen, als sie und ihre Tochter beschließen, für uns den Umweg bis nach Colmar zu fahren.
Herzlichen Dank an Noura und Nourchade Sayari! Ihr habt uns gerettet, zum Lächeln gebracht und die schnellsten Kilometer unserer Tour erleben lassen.

 

Zusammenfassung:

Die Vogesen sind eine eigene Welt der Berge und Erfahrungen. Ein weitläufiges Mittelgebirge, in das es sich zu verirren lohnt.
Die Wanderungen eignen sich für jeden, da Dauer und Schwierigkeitsstufen individuell bestimmbar und jederzeit anpassbar sind. Durchgehende Markierungen weisen den Weg.
Unangefochten bleibt der GR 5, der durch einen bemerkenswerten Teil des Gebirges führt und innerhalb weniger Stunden für eine lange Zeit eine Spur im Herzen hinterlässt. Die Aussichten sind einzigartig und lassen jegliche Strapazen in die Vergangenheit verschwinden.
Zudem wird derjenige, der außerhalb der Sommer-Hochsaison läuft, bald das Gefühl bekommen der einzige Mensch auf Erden zu sein.

Autor: Eva Kaznelson