Der Kel Suu-See – Ein Juwel der kirgisisch-chinesischen Grenze (Kirgisistan)

Abseits aller Touristenrouten,auf der Karte erst mit dem zweiten Blick zu finden, liegt einer der schönsten Seen Kirgistans: Der Kel Suu See. Auf 3.500 Metern erstreckt er sich über zwölf Kilometer, während die schmalste Stelle weniger als 100 Meter breit ist. Gelegen inmitten steiler Bergen und tiefen Höhlen, Überraschungen und Abenteuer. Ausgangspunkt für die Reise ist die Stadt Naryn: Auf zum CBT (community based tourism), um den Passierschein zu beantragen (17 US-$), die Karte zu kaufen (500 Som) und die Fahrt zu organisieren (12000 Som). Öffentliche Verkehrsmittel zum See gibt es nicht. Wer auf sein Glück vertraut, kann es per Anhalter versuchen. Einen Tag später den Schein abholen und los geht’s.

Pause beim Abstieg
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Zurück nach Asien

Irrgarten abseits des Weges

Eine ereignisreiche Anreise: Mit zwei vollbepackten Geländewagen und einer Gruppe Kasachen fahre ich in Richtung Kel Suu See. Ein Umweg führt uns vorbei an Tasch Rabat, einer Karawanserei aus dem 15. Jahrhundert. Eine nicht enden wollenden Schotterpiste und einen querliegenden Jeep später, erreichen wir das Yurt-Camp vor dem See. Hier verabschiede ich mich von meinen neuen Freunden und beginne die Wandertour am späten Nachmittag. Weit werde ich heute wohl nicht kommen.

Mein Ziel sind die Ausläufer des ersten Passes. Voller Energie und Motivation erklimme ich den ersten Hügel. Jedoch nur um festzustellen, dass es keinen Grat gibt und ich einen Großteil der Höhe wieder verlieren muss. Soweit so gut. Nach zwei Stunden schlage ich mein Zelt an einem Fluss auf und hoffe auf mehr Glück morgen.

Nach einer eisigen Nacht stelle ich meine steifgefrorenen Stiefel für wenige Minuten in die Sonne, ehe ich sie anziehen kann. Der eingezeichnete Weg auf der Karte folgt der Schotterstraße. Ich nicht, ich suche mir meinen eigenen Weg. Ein ausgetrockneter Fluss führt mich… in einen Irrgarten einer Hügellandschaft. Hinauf, hinunter, hügelauf, hügelab.
Ein Szenario wie aus einem Western: Ein einsamer Reiter auf einer Anhöhe, im Hintergrund der leicht bewölkte Himmel. Die Pferde stäuben vor mir weg, der Pferdehirte scheucht sie zurück. Sein dunkles Gesicht mit den mongolischen Zügen nimmt einen ernsten Ausdruck an: „Sei vorsichtig, es gibt hier Wölfe!“ warnt er mich.
Im rötlichen Glanze der untergehenden Sonne wähle ich das obere Ende eines Tales als Zeltplatz. Zur Sicherheit lege ich mein Messer neben dem Schlafsack bereit.

Entlang einer Jeep-Spur
Entlang einer Jeep-Spur
Abenddämmerung
Abenddämmerung
Und dem trockenen Fluss folgend
Und dem trockenen Fluss folgend

Eine unangenehme Entdeckung

Auf dem Weg zum südlichen Zufluss des Kel Suu See, folge ich einem sanft ansteigenden Bachlauf, bis ich erschrocken innehalte: eine Hütte, mitten im Nirgendwo. Die beiden Bewohner schauen mich ebenso verdutzt an wie ich sie – Wanderer sind nicht üblich in dieser Gegend. Ein wettergegerbtes Gesicht nickt mir zu. Der Alte prüft die Karte und weist mir den Weg, ich reiche ihm die Hand und stiefle optimistisch in die gedeutete Richtung.
Ein weiterer Pass: Von oben erkenne ich die unfassbaren Dimensionen des Flussbettes, das vor mir liegt – derzeit eher aus Steinen als aus Wasser bestehend. Hier während der Schneeschmelze – wohin der reißende Strom einen wohl tragen würde?

Das Tal macht einen Linksknick, verläuft gerade aus, macht einen Rechtsknick, wieder geradeaus… nicht enden wollend. Ich prüfe die Karte. Ich prüfe das GPS. Erneut die Karte… und erkenne frustriert: Der Maßstab ist doppelt so groß wie ich annahm… was bedeutet, dass ich doppelt so viele Kilometer zurücklegen muss.
Nach vier Stunden Geröll erreiche ich endlich die Abzweigung zum Pass – dahinter liegt der See. Wie jeden Tag begann der Tag sonnig. Wie jeden Nachmittag bedeckt sich der Himmel. Neu sind die kleinen weißen Flocken. Neu ist das dumpfe Grollen in den dunklen Wolken im Süden. Ich beeile mich, um die letzten Höhenmeter zu überwinden. Danach bergab, begleitet vom regelmäßigen Grummeln des Donners.

Eine Stunde später schlage ich mein Lager an der unbekannteren Seite des Sees auf. Der Hauptteil versteckt sich hinter den hohen Bergen im Norden, während aus dem Süden verästelte Bäche ihn mit Wasser versorgen. Friedlich liegt er vor mir: leicht kräuselnd, wo der Wind ihn zieht; blau glitzernd, wo die letzten Sonnenstrahlen ihn sanft streicheln.

Die Hütte im Nirgendwo
Die Hütte im Nirgendwo
Ausblick auf das Flussbett
Ausblick auf das Flussbett
Die Südseite des Kel Suu
Die Südseite des Kel Suu

Der Weg zum Nordufer

Ein tiefer Atemzug der zauberhaften Morgenstimmung, schon schultere ich meinen Rucksack und quere das Delta. Einige Pferde beobachten mich. Der behornter Schädel eines Steinbocks liegt auf der Erde. Ein Adler segelt einsam und geräuschlos durch die Luft. Das Wild-West-Gefühl will nicht verebben.
Am Pass angekommen blicke ich zurück: Das Flussdelta und der Kel Suu See wirken unwirklich und unberührt, ein Blick in eine andere Welt.

Danach geht es hinunter in das grünere der beiden Täler. Ich laufe entlang einer Anhöhe, in der Ferne eine Staubwolke. Diese nähert sich in gemächlichem Tempo, bis sich die Yak-Herde direkt unterhalb von mir sammelt. Und plötzlich erscheint der Hirte auf seinem Pferd direkt vor mir. Gekleidet in eine Camouflage-Hose und eine gepolsterte Jacke, sein mongolisches Gesicht geschmückt von einem ungläubigen Blick. Mit meinem gebrochenen russisch erkläre ich, dass ich um den See wandere. Seine Reaktion gleicht den bisherigen: „Hast Du kein Auto?“. Dafür bekomme ich einen Schluck unpasteurisierte und unhomogenisierte Kuhmilch und wir verabschieden uns.

Erneut verlasse ich den Weg, um eine Abkürzung zu nehmen – diesmal erfolgreich. Eine Herde Yaks grast am Fuß des Berges, die Zotteltiere widmen mir einen kurzen gelangweilten Blick.
Geschafft, der See liegt vor mir. Zumindest der letzte steile Anstieg dahin. Tropfnass erreiche ich das Ufer – Müdigkeit hat mich unvorsichtig gemacht, als ich den knietiefen Fluss zum Hügel durchquerte. Auf einer Anhöhe schlage ich mein Zelt auf. Alleine, vor diesem Wunder der Natur. Spiegelglatt, eingerahmt von steilen Bergriesen, ein Monolith in der Mitte, Höhlen an der Seite. Ein unbeschreibliches Gefühl von innerer Ruhe breitet sich aus. Glücklich schlafe ich ein.

Steinbock-Schädel
Steinbock-Schädel
Frei wie ein Adler
Frei wie ein Adler
Yak-Herde
Yak-Herde

Ein Sprung ins eisige Nass

Die Sonne weckt mich, schnell hat es zehn Grad im Zelt. Einen Köpfer in den See: Eiskaltes Gletscherwasser umspült meinen Körper, befreit meinen Kopf. Zwei schnelle Züge, und zurück ans Land, von der Sonne trocknen lassen. Gemütlich packe ich meine Sachen und mache mich auf zum Yurt-Camp. Ich passiere die erste Nomadenhütte, frage nach einer Fahrt zurück und werde vom Patriarchen der Familie zum Mittagessen eingeladen. Von mir gibt es als Gastgeschenk eine Packung Tee. Im Kreise zweier Kinder und der vier Arbeiter verteilt die Frau der Hütte einen überdimensionaler Topf Borscht auf die Teller. Mein „Danke nein“ zur zweiten Portion wird gekonnt überhört. Mit vollem Bauch und fröhlichem Grinsen schleppe ich mich die letzten 100 Meter zum Camp – und erwische einen letzten Platz im Auto der einzigen Touristengruppe, zurück nach Naryn.

Blick auf die Yurt-Hütten
Blick auf die Yurt-Hütten
Pferde-Rennen
Pferde-Rennen
Der Kel Suu
Der Kel Suu

Zusammenfassung:

Eine Nacht im Zelt am Kel-Suu See – auf 3.500 Metern, umgeben von schroffen Felsen und Höhlen: Es gibt nichts Vergleichbares. Der friedliche Spot, abseits der touristisch erschlossenen Routen, bietet authentische Eindrücke des kirgisischen Hinterlandes und der Nomadenkultur – zumindest für den, der einige Worte russisch beherrscht.