Torres Del Paine (Chile)

Die Naturwunder des im Süden von Chile gelegenen Nationalparks Torres Del Paine können auf 2 Varianten bewundert werden. Es kann entweder der 5 Tage lange W-Trek oder der 8 bis 10 Tage dauernde O-Trek gewählt werden. Die Namen sind den jeweiligen Routenformen zu verdanken.
Der W-Trek bietet eine Wanderroute in eine Richtung und darauffolgend eine Rückkehr mit dem Boot. Der O-Trek umfasst einen anspruchsvollen und gleichzeitig sehr lohnenswerten Rundweg.
Der Torres Del Paine rangiert aufgrund der grandiosen Ausblicke auf riesige Gletscherfelder und den bei Sonnenaufgang feuerroten Bergspitzen der Torres auf den meisten Webseiten in den Top 10-Wanderungen weltweit.

Torres Del Paine

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15.03.2013 –20.03.2013

 

Tag 1: Puerto Natales – Camp. Dickson, 27,5 km:
Mein Rucksack ist für die 8-Tages-Wanderung fertig gepackt – die übrigen Sachen deponiere ich gegen eine geringe Gebühr im Hostel. Mit dem ersten Bus in Richtung Torres Del Paine erreiche ich den Nationalpark gegen 11 Uhr. Ich schultere meinen ca. 28 kg schweren Rucksack und bin glücklich darüber, dass ich loslaufen kann.
Die erste Etappe führt entlang von Jeepspuren flach über eine Graslandschaft. Die Spitzen der Torres del Paine, zu deutsch „Türme des blauen Himmels“, sind bereits in der Ferne erkennbar. Es gesellen sich einige kahle Bäume hinzu – die Spuren eines vor wenigen Jahren aus Unachtsamkeit entstandenen Waldbrandes. Der erste schöne Ausblick bietet sich auf einer kleinen Anhöhe, von der aus der Verlauf des Rio Paine verfolgt werden kann. Nach zwei Stunden, 9 km weiter, erreiche ich das Campamento Serón. Als Campamento werden hier die Lagerstätten bezeichnet, die sich aus Refugios, den Berghütten, und Zeltplätzen zusammensetzen. Zur späten Jahreszeit ist es hier ruhiger – meine Mittagspause verbringe ich mit einem deutschen, der bereits seit 10 Jahren die Welt bereist.
Ich beschließe, die restlichen Stunden Tageslicht zu nutzen und mich weiter in Richtung Lago Dickson zu bewegen. Die Strecke bis dorthin ist flach und nicht sehr anstrengend. Die restlichen 18,5 km lege ich in 4 Stunden zurück und schlage mein Lager am hiesigen Zeltplatz auf. Das aus Nudeln und Käse bestehende Abendessen verbringe ich in Gesellschaft von zwei Pärchen, die sich genauso wie ich für die O-Wanderung entschieden haben. Bevor es dunkel wird, gehe ich zum steinigen Ufer des Dickson-Sees hinunter und genieße die Abendstimmung. Durch die Windstille entsteht auf der spiegelglatten Wasseroberfläche eine Reflexion der gegenüberliegenden schneebedeckten Gipfel. Ich atme noch einmal die frische klare Luft ein und gehe begleitet von einzelnen Mosquitos müde zurück zum Zelt.

 

 

Tag 2: Camp. Dickson – Camp. Paso, 20,7 km:
Der zu beiden Seiten mit Bäumen gesäumte Weg führt genauso eben weiter, wie er tags zuvor aufhörte. Die 9 km bis zum Campamento Los Perros sind damit keine Herausforderung. Ich passiere den im Wald gelegenen Zeltplatz und freue mich über die Abwechslung, da es nunmehr stetig bergauf geht. Die lebendigen Grüntöne wandeln sich zu einem einseitigeren grau, als ich die Waldgrenze passiere und einem steinigen Pfad folge. Der erste Gletscher der Wanderung, den ich nur einen Steinwurf entfernt bewundern darf, ist der Los Perros. Beiderseits ist er von massiven Gestein unterschiedlicher Grautöne umgeben; an seinem Fuß hat sich ein eiskalter See gebildet, dessen Oberfläche sich leicht kräuselt. Nachdem ich mich ein letztes Mal umdrehe und einen bewundernden Blick über das bewaldete Tal werfe, marschiere ich weiter.
Der Anstieg setzt sich fort – die Umrisse des John Gardner Pass zeichnen sich bereits in der Ferne ab.
Als ich den höchsten Punkt erreiche, erhalte ich einen Vorgeschmack auf den Ausblick, der sich mir in ein paar Minuten komplett eröffnen wird. Ich kann am Horizont bereits eine weißes Gefüge erkennen, das sich wie ein See vor einem Gebirgshintergrund ausbreitet. Einige Augenblicke später stehe ich vor diesem riesigen, in der Sonne glitzernde Gletschermeer. Fasziniert wendet sich mein Blick nach rechts zu dessen Ursprung, wo die Berge ebenfalls komplett in weiß gehüllt sind. Mit gefrorenen Wellen und Rissen durchzogen bahnt sich das kalte Eis den Weg kilometerlang nach links unten, wo es schlussendlich steil in den Lago Grey abfällt. Fahrzeuggroße Eisschollen treiben wie gedankenverloren über das Gewässer in die andere Richtung. Ein daneben ruderndes ameisengroßes Kajak rückt meine Größeneinschätzung zurecht – die schneeweißen Bruchstücke haben teilweise die Höhe eines Reihenhauses. Nachdem ich meinen Blick von diesem Naturwunder loseise, benötige ich nicht lange um das Campamento Paso zu erreichen, wo ich im Schutz der Bäume mein Zelt errichte. Die Sonne, die beim Untergehen den Hintergrund des Gletschers in ein tiefes rot taucht, sorgt für einen entspannten Abschluss des Tages.

 

 

Tag 3: Camp. Paso – Camp.Italiano, 29 km:
Die ersten zwei Stunden führt der Weg entlang der Klippe, wodurch sich mir der Blick auf den Gletscher aus verschiedenen Perspektiven bietet. Es entsteht der Eindruck als ginge die Eismasse nicht einfach abrupt in den See über, sondern überrolle diesen mit einer atemberaubenden Macht. Ich folge dem abfallenden Weg landeinwärts und erkenne gegen Mittag am Horizont das Refugio Grey, in dessen Nähe ich eine kurze Pause einlege.
Einige Kilometer weiter überquere ich die Brücke eines rauschenden Flusses und finde mich auf dem Zeltplatz inmitten eines kleinen Wäldchen am Campamento Italiano wieder. Hier erhalte ich die ersten detaillierteren Eindrücke der Torres, drei steinigen Türmen, die am Horizont empor thronen. Die dunklen Spitzen vermitteln den Anschein, als wären diese nachträglich auf den hellgrauen Sockel gesetzt worden. Die leichten Umrisse des Mondes sind gedämpft auf der linken Seite sichtbar, während die Sonne zeitgleich zwischen den beiden großen Türmen über die Bäume hinweg strahlt.
Es ist später Nachmittag, als ich an meinem Ziel das Zelt errichte. Ich nehme mir vor, hier zwei Nächte zu bleiben und morgen nur mit einem Tagesrucksack den Mirador Británico zu würdigen. Dieser ist eigentlich Teil der W-Route, jedoch sprechen der Zeitpuffer und mein Rücken, der sich nach dem anstrengenden Marsch bisher über einen Tag Pause freut, für diese Entscheidung.

 

 

Tag 4: Camp. Italiano, Tagesausflug Mirador Británico, 11 km hin und zurück:
Mit meinem kleinen Rucksack auf dem Rücken, in dem sich mein 3 Liter Wasserbeutel befindet, gestaltet sich das Wandern erheblich einfacher. Mit schnellen Schritten folge ich dem leicht ansteigenden Weg entlang des Valle Francés. In der Ferne höre ich plötzlich ein dumpfes Krachen, das sich nicht genau lokalisieren lässt. Somit ignoriere ich das zunächst und bewundere die glasklaren Bäche, die sich den Weg zum See Nordenskjold bahnen. Wenige Minuten später ertönt das Rumpeln erneut. Diesmal erkenne ich den Ursprung. Auf der gegenüberliegende Flussseite hat sich auf dem Berg ein Stück des Gletschers gelöst. Der Schneestaub wirbeld durch die Luft, während sich eine kleine Lawine wie ein weißer Wasserfall über das Gestein ergießt.
Ich lasse das beeindruckende Schauspiel hinter mir und gehe die restlichen Kilometer bergauf. Den Aussichtspunkt erreiche ich am frühen Nachmittag und suche mir dort den höchst gelegenen Stein. Trotz des in hellen Grautönen gehüllten Himmels lässt sich eine entfernte Bergkulisse über den Baumspitzen entdecken. Ich genieße die entspannte Atmosphäre für einige Minuten, bevor ich den Weg in Richtung Lager fortsetze. Dort angekommen, unterhalte ich mich mit meinen Zeltnachbarn, zwei jungen Männern aus Frankreich. Es stellt sich heraus, dass diese die W-Route ohne Kochgeschirr wandern und sich nur von trockenem Brot ernähren. Ich schmunzle leicht und leihe den beiden meine Kochausrüstung inklusive Reisbeutel und Käse – die Franzosen freuen sich sehr über die erste warme Nahrung seit drei Tagen.

 

 

Tag 5: Camp. Italiano – Camp. Torres, 26,5 km:
Heute wird es vermutlich wieder etwas anstrengender. Da ich die Torres morgen bei Sonnenaufgang betrachten möchte, werde ich versuchen, den nächstgelegenen Zeltplatz zu erreichen. Trotz des wolkenbehangenen Himmels bleiben die Ausblicke weiterhin interessant. Nach einer Stunde Fußmarsch lasse ich meine Blick über den See schweifen. Auf der anderen Seite erhebt sich ein Schneeberg über einer braun-grünen Hügellandschaft. Einige verlorene Sonnenstrahlen malen auf der Wolkenwand einen wunderschönen Regenbogen, der hinter einem weißen Gipfel verschwindet. Nach Fortsetzen meines Weges treffe ich nach einigen Abzweigungen auf eine Gruppe, die Ausbesserungen an der Strecke durchführen. Ein bärtiger etwa 50-jähriger Mann schenkt mir sein Thunfischsandwich und begründet dies damit, dass sie als Arbeiter weit mehr Verpflegung erhielten als sie benötigen. Ich bedanke mich und erfreue mich an der Abwechslung auf meiner Speisekarte.
Die Route verzeichnet bis zu einer Abzweigung nur leichte Anstiege. Rechts führt der Weg zurück zum Parkeingang, links hinauf in Richtung Torres – ich folge dem linken. Dieser steigt für einige Zeit fühlbar steil an, bevor er an der Seite eines Berges einen schmalen steinigen Pfad eröffnet. Nachdem ich das Refugio Chileno passiert habe, liegen nun noch knappe zwei Kilometer bis zum letzten Etappenziel für heute vor mir. Diese führen mich die nächsten 30 Minuten durch ein kontrastreiches Waldstück zum Campamento Torres. Dort treffe ich auf weitere Campern, die eine Stunde vor Sonnenaufgang aufbrechen wollen. Diesem Vorhaben schließe ich mich kurzentschlossen an.

 

 

Tag 6, Camp. Torres – Puerto Natales, 12,5 km:
Mein Wecker erwies sich als nicht notwendig, da Zeltrascheln und Fußstapfen seine Aufgabe übernahmen. Gegen 5 Uhr schließe ich mich mit meiner Stirnlampe bewaffnet der langen vorausgehenden Menschenschlange an. Die glühwürmchenähnlichen Lichtpunkte der Leuchten weiterer Wanderer vor mir zeigen, dass der Weg weiter bergauf führt. Nach einer Stunde in der Dunkelheit erreichen wir einige große Steine direkt vor den Torres. Geduldig warte ich mit dem Rest der Gruppe einige Minuten, bis die Sonne ihre Strahlen langsam über den Horizont hervorhebt. Sekunden später verwandeln sich die bisher in ein fahles grau gehüllten Bergspitzen in ein feuriges rot, deren atemberaubender Effekt durch die Spiegelung im davorliegenden See verstärkt wird. Um eine andere Perspektive einzufangen, versuche ich meinen Standort zu wechseln. Auf einen anderen Stein kletternd rutsche ich plötzlich mit meinen Fuß ab und verliere die Balance – Ich lande wenige Zentimeter tiefer mit meinen Kinn nach vorne auf einem Stein. Einige besorgte Gesichter schauen auf mich herab. Mit schmerzenden Unterkiefer stehe ich kurz darauf auf einem anderen Stein, das Naturschauspiel ist jedoch fast vorüber.
Eine halbe Stunde später erreiche ich den Zeltplatz und packe alles zusammen. Bis auf eine kleine Narbe scheinen nicht viele Spuren vom Sturz zu bleiben – die Schmerzen werden langsam schwächer. Auf dem gleichen Weg, wie zuvor bergauf, bewege ich mich vorbei am Refugio Chileno weiter zur Hosteria Las Torres. Dem Shuttle, der hier genutzt werden kann, schenke ich keine weitere Beachtung und lege die letzten 7,5 Kilometer ebenfalls zu Fuß zurück. Eine Stunde später erreiche ich die Laguna Amarga, bei der ich mit einem glücklichen Gefühl aufgrund der bezaubernden Impressionen auf den Rücktransport nach Puerto Natales warte.

 

Zusammenfassung:Um die O-Route in ihrer vollen Pracht auskosten zu können, würde ich entgegen der von mir durchlaufenen 6 Tage 8 Tage einplanen. Der Nationalpark bietet beeindruckende Eindrücke, die es zu genießen lohnt. Die Wanderung findet sich damit zu Recht in den meisten Top 10 Listen wieder. Die Blicke auf den Dickson See, den Grey Gletscher und den Paine Grande sind faszinierend, das morgenroten Szenario der Torres nach der spannenden Marsch in der Dunkelheit ist unbeschreiblich.